Industrial Quality
September 2017

Editorial

Bloß keine Routine – diesem Wahlspruch kann ich mich sehr gut anschließen. Automatisierung kann hilfreich sein. Sie wird den eigenen Job nachhaltig verändern, oder vielleicht sogar ihn ganz überflüssig machen. In diesem Spannungsfeld befinden wir uns heute. Welche Stellen bleiben übrig, wenn wir die vierte industrielle Revolution hinter uns gelassen haben?

Am schönsten wäre es für einige, wenn uns die Roboter einfach die Arbeit abnehmen. Dann können wir uns zwölf Monate im Jahr in die Sonne legen und nur kurz aufspringen, wenn einer der Roboter aus dem Takt gerät. Danach sieht es jedoch ganz und gar nicht aus. Stattdessen fordern immer mehr Unternehmen, dass man seine Arbeit nicht nur mehr als 100-prozentig macht, sondern möglichst auch noch fasziniert ist von ihr. Am besten soll man für seinen Job richtig brennen. Feierabend ist ein Fremdwort, denn selbstverständlich wird erwartet, dass man eMails sofort beantwortet und nicht ASAP (as soon as possible, also so schnell wie möglich – in moderner Ausdrucksweise eher übersetzt mit „das hat Zeit“).

Arbeit und Freizeit sauber zu trennen, das wird immer weniger möglich. Der Blick auf die menschliche Seite zeigt, dass wir begonnen haben, uns selbst auszubeuten. Die digitalisierte Welt macht es möglich. Der Arbeitsplatz ist jederzeit zur Hand. Die Themen verfolgen uns überall hin – auch in den Liegestuhl im Urlaub. Da war die New Economy, die vor nahezu zwei Jahrzehnten mit diesem Wahn begann, noch richtig human. Sie versprach: Mach einfach Urlaub, wenn Du ihn brauchst und glaubst, ihn verdient zu haben. Davon sind wir wohl weit entfernt. Es muss gar nicht die Karriere sein. Manchmal ist es einfach die Angst um den Arbeitsplatz, der wegrationalisiert oder automatisiert wird. Eine Folge der neuen elektronischen und automatisierten Möglichkeiten?

Sicherlich werden viele Tätigkeiten wegfallen. Die Arbeitswelt hat sich im vergangenen halben Jahrhundert massiv verändert. Jedoch sind auch viele neue Stellen und Arbeitsfelder entstanden. Dieses Spannungsfeld macht uns Industrie 4.0 sehr bewusst. Umso wichtiger ist es, genau hinzusehen, was sich wirklich bewegt, und was beispielsweise Künstliche Intelligenz in Verbindung mit den Trends von Industrie 4.0 verändert.

Roboter nehmen dem Menschen die Arbeit ab. Sie werden ihn jedoch nicht arbeitslos machen. Das können sie ja nachgewiesenermaßen nicht, weil der Mensch immer noch am flexibelsten und kreativsten ist, auch wenn die optischen Erkennungsmöglichkeiten eine rasante Entwicklung vollziehen, die wir in diesem Heft besonders stark in den Fokus nehmen. So kann uns die Technik helfen. Sie wird allerdings von uns auch wesentlich mehr verlangen. Wir müssen unsere Stärken zur Geltung bringen, damit wir nicht an einem Platz hängen bleiben, an dem wir zwar zwölf Monate im Jahr arbeiten – aber trotzdem nicht genug verdienen, um leben zu können. In diesem Sinn wünsche ich eine qualitativ gute Zeit.

Für das Industrial-Quality-Team

Georg Dlugosch
Chefredakteur